Kinder bekommen
Kinder bekommen und die Folgen im Alltag
Kinder bekommen und die FolgenDass unser Vertrag leider nicht fortgesetzt werden könne, hat uns die Haftpflichtversicherung erst vor ein paar Wochen mitgeteilt. Netterweise wurde der Kündigung hinzugefügt, dass wir den bereits bezahlten Jahresbeitrag anteilig zurückerstattet bekämen. Nur, weil wir ein Kind bekommen haben, wurde der Versicherungsschutz einfach beendet.
Das hab ich ja noch nie gehört, dass man aus der Haftpflichtversicherung rausfliegt. Was musste geschehen, damit einem dies widerfährt? Fragen über Fragen, doch es gibt verschiedene Antworten darauf.
Dass man ein bis zwei lebhafte Kinder bekommen hat, ist eine davon. Dann macht man auf „Laissez-faire“ und lässt die Kinder für ein paar Stunden draußen spielen und riskiert dabei, dass die Kinder Sache machen, die Kinder eben schon mal tun: zum Beispiel Insekten beobachten, das macht klug. Oder mit andern Kindern Verstecken spielen (das macht Spaß). Aber auch ganz schnell Roller fahren, um dabei das geparkte Autos des Vermieters zu zerbeulen (macht 800 €). Ebenso ins Portemonnaie greifen muss die Versicherung, wenn man dem Nachbarskind beim Balgen die Brille zerstört hat (macht 300 €). So produziert man ohne Probleme drei oder vier Haftpflichtschäden in wenigen Jahren. Dadurch wird das Risiko für manche Versicherung zu teuer und man wird rausgeschmissen. Und das nur, weil man Kinder bekommen hat.
Dass das Leben lebensgefährlich ist, und erst recht, wenn man Kinder bekommen hat, dass man verantwortungslos ist, wenn man sämtliche Gefahren nicht ständig im Blick hat, dass man Kinder unter 10 eben doch ununterbrochen beaufsichtigen muss – lernen wir das daraus? Ich jedenfalls lerne daraus, dass ich jetzt eine neue Versicherung benötige und das Angst machen nicht gilt.
Denn ich habe festgestellt, dass sich Eltern viel zu viel Bange machen. Nach dem Kinder bekommen haben sie sogar soviel Angst, dass sie überall und immer wie ein Hubschrauber über ihren Kindern kreisen. Immer wachsam und immer Stand-by sofort einzugreifen. Eltern passen auf, dass die Schaukel im Garten vom TÜV geprüft worden ist, Eltern passen auf, dass der Schulranzen Reflektoren hat, Eltern sorgen sich um einen Platz in der musikalischen Frühförderung, Eltern achten darauf, dass Kinder beim Radeln einen Helm auf dem Kopf haben und mahnen nicht zu hohes Tempo an. Außerdem bringt man die Kinder natürlich mit dem Wagen zur Musik- und später auch in die Grundschule. Denn alleine auf den Weg macht sich heute nur noch jeder fünfte Erstklässler.
Inzwischen sprechen Soziologen schon von einer Eltern-Paranoia. Dies tut beispielsweise der englische Autor Frank Furedi. Von seinen deutschen Kollegen kommt die „Generation Rücksicht“. Dass der so genannte Streifradius von Grundschulkindern (das Gebiet, das sie alleine entdecken können) binnen weniger Jahrzehnte von 20 auf 4 km geschrumpft ist, stellten diese fest. Nur noch durchschnittlich 12 Stunden verbringen zudem die Kinder pro Woche an der frischen Luft.
Das ist dem geschuldet, dass die Welt heute viel gefährlicher ist als noch vor 15 oder 20 Jahren, möchte man dem erwidern. Das Risiko war früher viel kleiner, da gab es nicht so viele Missbrauchsfälle und nicht soviel Verkehr.
Dem muss man entgegenhalten, dass die Zahl der Kinder, die im Verkehr tödlich verunglückten, seit 1993 kontinuierlich gesunken ist. Ebenso gilt das für die Zahl der Sexualdelikte. Die Wahrnehmung der Eltern und die Macht der Informationsflut hat sich dahin gehend allerdings geändert. Denn wir und unser Ungeborenes werden schon in der Schwangerschaft überwacht, geprüft und vermessen. Schließlich könnte ja was sein mit dem Kind. Mit den potenziellen Gefahren geht es weiter, wenn das Kind dann da ist. Vor Unfallrisiken warnen uns Versicherungen. Vor Kleinteilen heben Spielzeughersteller den Zeigefinger. Und im Medizinratgeber lesen wir zum ersten Mal von Fuchsbandwurmeiern. Außerdem kommen uns ständig Dinge wie Störungen zu Ohren, für die man vor 30 Jahren noch nicht mal einen Namen hatte: ADHS, Legasthenie oder Dyskalkulie. Natürlich kaufen wir im Baumarkt auch nur den Lack, der durch alle Bedenklichkeitstests gekommen ist, und nicht giftig ist, um damit das Kinderbett zu streichen. All dies macht uns weniger entspannt als das noch unsere Eltern und Großeltern waren. Ständig sind wir in Bereitschaft.
Auch das Kinder heute keine öffentliche Sache mehr ist, kommt erschwerend hinzu. Denn Kinder bekommen gehört mittlerweile zur intimen Privatsphäre. Selten geworden ist schließlich die Straßenkindheit der 1960er und 1970er Jahre. Kinder können nicht mehr ungestört spielen, es gibt kaum noch verlassene Häuser, verwaiste Gärten und erst recht keine Kriegsbrachen mehr. Außerdem gibt es kaum noch Erwachsene im Zeitalter der Kleinfamilie, die mit ein Auge auf die Kinder werfen. Die Kinder treffen sich deshalb nur noch zuhause und nicht mehr auf der Straße. Oder man sieht sich im Englisch-, Musik-, Schwimm- oder PEKiP-Kurs. Termine werden nur noch fest geplant. Außerdem benötigen die Kinder einen erwachsenen Fahrer, der sie von Verabredung zur Verabredung kutschiert. Soziologen nennen dies Verinselung. Dabei wird diese Entwicklung überhaupt nicht gutgeheißen. Kann sie auch nicht, weil sie die Eltern nach dem Kinder bekommen in eine anstrengende Rolle drängt.
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